Mein Verständnis von ME/CFS ist nicht nur fachlicher Natur — es ist zutiefst persönlich.
Ich war jung und stand mitten im Leben: Guter Job in der Bank, viel Sport und viel Reisen. Doch dann — auf einem Surftrip in Brasilien — erkrankte ich an einer viralen Infektion, die einfach nicht verschwand. Das war der Anfang meiner 6-jährigen ME/CFS-Erkrankung.
Was folgte, war eine lange Odyssee: Schulmediziner, Alternativmediziner, alles dazwischen. Niemand konnte erklären, was mit mir nicht stimmte. Keine Ursache, keine Lösung. Die Ärzte waren ratlos — bis ich schliesslich die Ausschlussdiagnose ME/CFS erhielt.
Ich hatte keinen Job mehr, lebte bei meinen Eltern und fragte mich, ob ich je wieder arbeiten, Sport machen oder mein Leben so gestalten könnte wie früher. Und doch ergab mir das alles nie wirklich Sinn. Wie war es möglich, dass ich krank war — ohne dass jemand eine Ursache fand?
Also suchte ich weiter. Und irgendwann stiess ich auf einen Ansatz, der mir einleuchtete: Achtsamkeit. Ich besuchte einen Kurs — und stellte fest, dass es bei Achtsamkeit nicht um irgendwelche Atemübungen geht, sondern um das Beruhigen des Nervensystems. Möglich wird das einerseits durch gezielte Übungen, andererseits durch einen grundlegenden Perspektivenwechsel.
Ich entdeckte:
- Körper und Geist sind untrennbar miteinander verbunden.
- Unser Körper ist nicht unser Gegner — sondern unser Verbündeter.
- Symptome sind lediglich Signale des Körpers, der uns etwas mitteilen will.
- Heilung und Regeneration werden nicht durch Kampf, sondern erst durch Entspannung möglich.
- Der Schlüssel liegt nicht in der nächsten Behandlung, sondern in der Regulation des eigenen Nervensystems.
Getragen von ersten Erfolgen merkte ich: Das ist der Weg. Er hat Hand und Fuss, denn die Rolle des Nervensystems ist wissenschaftlich gut erforscht. Ich wollte mehr — und liess mich zum Achtsamkeitslehrer (MBSR) ausbilden. Während dieser Ausbildung fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Das Einzige, worauf ich mich wirklich fokussieren musste, war die Beruhigung des Nervensystems. Denn genau dort lag bei mir der entscheidende Hebel. Am Ende der Ausbildung war ich wieder vollkommen gesund.
Nicht durch Zufall — sondern weil ich verstanden habe, wie entscheidend das Nervensystem ist. Wenn es überlastet ist, entstehen genau diese Symptome. Wenn wir es beruhigen, wird Heilung möglich.
Heute habe ich Klarheit darüber, was mich damals in diese Erkrankung geführt hat, und ich weiss genau, welche Hebel uns helfen, wieder herauszukommen. Und ich weiss noch etwas: Diese sechs Jahre wären nicht nötig gewesen. Hätte mir damals, in den ersten Monaten, jemand erklärt, was in meinem Körper wirklich passiert, wäre mir die jahrelange Odyssee erspart geblieben. Genau deshalb mache ich heute das, was ich mache - damit du die Abkürzung bekommst, die ich nie hatte.